(Danny Multani:)
Wenn man als Ortsvereinsvorsitzender an ein Rednerpult tritt
und weiß, dass hinter diesem Mikrofon 150 Jahre Geschichte
stehen, dann erfüllt einen das mit Demut. Aber vor allem mit
Stolz.
Wenn wir kurz zurück in den Mai des Jahres 1875
zurückblicken, war Deutschland gerade erst ein Kaiserreich
geworden. Von Demokratie, wie wir sie kennen, war man
meilenweit entfernt. Arbeiterinnen und Arbeiter hatten kaum
Rechte, schufteten unter inhumanen Bedingungen, ohne
Absicherung bei Krankheit, Invalidität oder Alter und die
Industrialisierung hatte gerade erst begonnen.
Und genau in dieser Zeit, in unserem Schwäbisch Hall,
schlossen sich mutige Männer und Frauen zusammen, um
zu sagen: Es reicht. Sie haben den Ortsverein der SPD hier
vor Ort gegründet. Das war kein Kaffeekränzchen. Das war
ein Akt des aufrechten Ganges, der Zivilcourage. Kurze Zeit
später, unter Bismarcks Sozialistengesetzen, war die SPD
verboten. Wer sich zur Sozialdemokratie bekannte, riskierte
seine Existenz, seine Freiheit, nicht selten seine Heimat.
Doch die Haller Genossinnen und Genossen haben nicht
geschwiegen. Sie haben im Verborgenen weitergekämpft.
Für den Acht-Stunden-Tag. Für das Frauenwahlrecht. Für
faire Löhne und für die unantastbare Würde jedes einzelnen
Menschen. Sie standen auf, als der Nationalsozialismus
unsere Demokratie zerschlug – viele unserer Genossen
bezahlten Haltung mit Haft und Verfolgung. Und sie standen
1945 wieder auf, um unter den Trümmern des Krieges eine
neue, demokratische Heimat im Dorle zu begründen.
Unsere Geschichte ist keine Ansammlung verstaubter
Geschichtsbücher. Sie ist der lebendige Beweis dafür: Die
Sozialdemokratie war, ist und bleibt das demokratische
Rückgrat dieses Landes.
Wer 150 Jahre Geschichte im Rücken hat, der feiert nicht nur
die Vergangenheit. Der blickt mit geschärftem Blick auf die
Gegenwart. Und wenn wir uns in diesen Tagen umsehen,
dann spüren wir alle: Wir leben in Zeiten einer gewaltigen
politischen Bewährungsprobe.
Vor wenigen Tagen haben wir die Ergebnisse der
Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gesehen. Eine Wahl, deren
Ausgang uns aufrütteln muss, deren Ergebnis uns als
Demokratinnen und Demokraten tief schmerzt und besorgt
machen muss. Wir sehen, wie extremistische und autoritäre
Kräfte gewaltige Stimmanteile auf sich vereinen. Wir sehen,
wie die politische Mitte unter Druck gerät und wie Risse
durch unsere Gesellschaft verlaufen.
Es wäre billig, nun mit dem Finger nach Magdeburg oder
Halle zu zeigen und zu sagen: „Das ist weit weg, das geht
uns in Schwäbisch Hall nichts an.“
Aber es geht uns sehr wohl etwas an!
Sachsen-Anhalt zeigt uns wie in einem Brennglas, was
passiert, wenn Verunsicherung, Wut und das Gefühl des
Ausgegrenztseins den Nährboden für einfache Parolen
bilden. Es zeigt uns, was auf dem Spiel steht,wenn der
gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt.
Aber lassen wir uns von solchen Ergebnissen lähmen?
Werfen wir die Hände in den Schoß und verfallen in
Pessimismus?
Ich sage ganz klar: Auf keinen Fall!
Wer, wenn nicht wir Sozialdemokratinnen und
Sozialdemokraten, weiß denn, wie man gegen den Strom
schwimmt? In den 150 Jahren unserer Geschichte gab es
weiß dunkelste Stunden und scheinbar aussichtslose Lagen.
Aber die SPD hat sich noch nie weggeduckt, wenn es
stürmisch wurde.
Das Wahlergebnis in Sachen-Anhalt ist kein Grund zum
Aufgeben. Es ist ein glasklarer Auftrag an uns alle und damit
meine ich alle Demokratinnen und Demokraten. Es ist ein
Ruf zur Wachsamkeit. Es ist ein Mahnruf, dass Freiheit,
Rechtsstaatlichkeit und soziale Sicherheit niemals von allein
erhalten bleiben. Man muss Tag für Tag für sie kämpfen!
Was bedeutet dieser Auftrag für uns hier vor Ort, in
Schwäbisch Hall?
Politik beginnt im Kleinen. Sie beginnt vor unserer Haustür.
Das Vertrauen in die Demokratie wird nicht in Talkshows in
Berlin zurückgewonnen – es wird an den Stammtischen, in den Vereinen, im Stadtrat, im Kreistag und an den Haustüren
hier in Schwäbisch Hall zurückgewonnen!
Die Menschen wollen keine theoretischen Abhandlungen. Sie
wollen Antworten auf ganz konkrete Fragen:
● Kann ich mir die Miete in Schwäbisch Hall in fünf
Jahren noch leisten?
● Findet mein Kind einen guten Kita-Platz und eine
Schule, die individuell fördert?
● Gibt es eine verlässliche Gesundheitsversorgung vor
Ort und gute Arbeit, von der man ohne Angst vor dem
Alter leben kann?
Wenn die Menschen spüren, dass die Politik ihre Sorgen
ernst nimmt und ihr Leben konkreter, sicherer und gerechter
macht, dann verlieren die Rattenfänger von rechts ihren
Boden.
Soziale Sicherheit ist der beste Schutzschild unserer
Demokratie!
Das war vor 150 Jahren das Credo der Haller SPD – und das
ist es heute mehr denn je.
150 Jahre SPD Schwäbisch Hall – das sind Tausende von
Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Das sind unzählige Plakate,
die im Regen geklebt wurden. Das sind heftige Debatten in
verrauchten Hinterzimmern früher und in digitalen
Videokonferenzen heute. Das sind Menschen, die ihr
Herzblut für ihre Heimatstadt gegeben haben.
Ich danke heute allen, die diesen Weg geebnet haben. Den
Veteranen unserer Partei, die uns das Fundament gebaut
haben. Ich danke allen, die sich heute mit großer
Überzeugung in unserer Partei engagieren.
Lassen Sie uns aus diesem Jubiläum und aus den
stürmischen politischen Zeiten da draußen die richtige
Schlussfolgerung ziehen:
Die Demokratie ist kein Zustand, sie ist ein Prozess. Und wir
sind nicht bloße Zuschauer – wir sind die Akteure.
Gehen wir raus. Streitbar in der Sache, aber immer anständig
im Ton. Mit klarem Kompass für soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität. Zeigen wir, dass die
Sozialdemokratie die Antwort ist auf Spaltung und Hetze.
Zeigen wir, dass am Ende immer die Anständigen gewinnen.
Auf die nächsten 150 Jahre SPD Schwäbisch Hall!
Glück auf und Herzlichen Dank!